Verfall und Niedergang unserer europäischen Zivilisation?

Edward Emily Gibbon 2

Edward Gibbon

Von Jan Čapek
Die erste Hälfte meines Lebens habe ich in einem totalitären Regime gelebt. Nach seinem Untergang 1989 habe ich viele Hoffnungen und Erwartungen gehabt, die sich größtenteils auch erfüllt haben. Ich habe auch vieles davon genossen: Demokratie in vielen Hinsichten, unterschiedliche Freiheiten (Rede- und Reisefreiheit), freie Wahlen, eine echte Bürgergesellschaft, Anschluss an westliche Werte, Schengen-Raum, gemeinsame europäische Währung, obwohl die Tschechische Republik immer noch außerhalb der Eurozone verbleibt.

In den letzten Jahren sehe ich jedoch viele Merkmale, die mich an das Römische Reich und die römische Zivilisation so um 300 n. Chr. erinnern, die schon teilweise der große britische Historiker Edward Gibbon und seine Nachfolger beschreiben.

Wie Gibbon die Periode in seinem monumentalen Werk „History of Decline and Fall of the Roman Empire“ (Verfall und Untergang des römischen Imperiums) (1776-89) beschreibt, wurde die traditionelle Rolle der Väter als Familienernährer bezweifelt, es häuften sich zerrüttete Ehen und alleinerziehende Frauen, Literatur und Kunst wurden geistlos und es gab nur Unterhaltung um jeden Preis, sogenannte Kunstwerke waren hässlich und geschmacklos, aber trotzdem erreichten sie horrende Verkaufssummen, ehrenhafter Armeedienst für das Vaterland wurde abgelehnt, angezweifelt, verspottet und dann laut Gesetz abgeschafft - das Militär bildeten nur bezahlte Söldner, fleißig arbeitende Leute wurden verhöhnt und als Vorbild galten Populisten, dubiose Künstler und sogenannte Promis. Die Steuerbelastung der Mittelschicht sowie der Armen stieg übermäßig, wobei der Staat zu hohe Summen umverteilte.

Viele Menschen in Rom mussten nicht arbeiten, da der Staat für sie sorgte (z.B. im 4. Jh. bezogen 300 000 Römer kostenlose Gutscheine für Brot) , das Niveau der Bildung sank, die Staatsschuld wuchsen in eine enorme Höhe, man produzierte zu Hause fast nicht mehr, weil es zu teuer war, Lebensmittel und andere Produkte wurden aus Satellitenländern importiert, Zeugen und Erziehung der Kinder wurde als Belastung wahrgenommen, immer weniger Kinder kamen zur Welt, überall herrschte Zynismus, Verschwendung sowie Missachtung von Kenntnissen, Fertigkeiten und ehrlicher Arbeit.

Ins Land kamen viele Ausländer, die Politiker bevorzugten das Gesindel, das Unterhaltung und staatliche Unterstützung verlangte (Panem et circenses). Das ganze Reich litt unter Uneinigkeit der einzelnen Teile sowie unter der Unentschlossenheit, sich der Außengefahr energisch zu stellen. Das östliche Reich stand gegen den westlichen Teil, beide Kulturen gingen auseinander, Rom stand gegen Konstantinopel, Völker gegen Völker - hochmütige (Alt)Römer waren nicht imstande die verachteten Germanen wirklich zu assimilieren, die sich auf dem Reichsgebiet niedergelassen hatten, die römischen Katholiken kämpften gegen die germanischen Arianer, der Multikulturalismus und Ökumenismus scheiterten.

Die letzten Kaiser waren extrem unfähig und vom Volk entfernt, die Reichsten schafften es, keine Steuern zu bezahlen und Subventionen unter sich zu verteilen, sodass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer wurden, Bürokratie sowie Justiz waren korrumpiert und die Bürger hatten das Vertrauen in die Gerechtigkeit völlig verloren, viele Menschen stiegen aus der Gesellschaft aus und lebten in Abgeschiedenheit ohne Loyalität zum Vaterland.

Etwa 66-67 Jahre vor seinem Untergang gab das Weströmische Reich ihre reiche Provinz Britannia auf. Dies bedeutete auf der Insel zuerst Rückkehr zu rückständigen vorrömischen Lebensweisen und das Leben in den römischen Städten und Villen, die um 350 n. Chr. noch erheblichen Wohlstand aufgewiesen hatten, entwickelte sich stark rückläufig.

Nach dem endgültigen Abzug der römischen Truppen und vollzogenem antiken „Brexit“, wahrscheinlich im Jahre 410 n.Chr., brach gleich das sogenannte „dunkle Zeitalter“ aus, geprägt durch Chaos, Bildung von lokalen Herrschaftsbereichen durch römische und keltische Warlords, die von Angeln, Sachsen und Friesen ständig überfallen wurden. Vorher sind diese von römisch-britischen Bewohnern als Krieger zur Verteidigung der nördlichen Grenze gegen die Pikten und Schotten eingesetzt worden. Nach dem Verlust der Provinz Britannia steuerte das Weströmische Reich jedoch schnell auf seinen endgültigen Untergang zu.

Bemessen nach dem damaligen Rom haben wir noch etwa 170 bzw. 66 Jahre Zeit um die Krise zu lösen.

Ich befürchte jedoch einen bevorstehenden Zusammenbruch, den ich diesmal jedoch nicht wie im Jahre 1989 begrüßen würde.

Ich habe also einen großen Wunsch an die EU-Politiker: Machen Sie Europa wieder einig, groß und widerstands- sowie konkurrenzfähig!

 

PhDr. Jan Čapek, Ph.D. ist Dozent am Lehrstuhl für Fremdsprachen der Philosophischen Fakultät, Universität Pardubice, Tschechien

 

 

 

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