Beteiligen wir uns am Geschehen in Europa!

Jan Oda

Dr. Jan Čapek vom Lehrstuhl für Fremdsprachen der Philosophischen Fakultät mit der Schriftstellerin Milena Oda. Foto: Ki Aabenhus.

Von Jan Čapek
Die aktuellen Ereignisse in Europa und die Migrationskrise bewegen die ganze Welt. Und gerade mit diesem Thema beschäftigte sich die internationale Konferenz, die im Rahmen des europäischen Projekts „My!Europe“ der Sonnenberg-Kreis der Tschechischen Republik in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Fremdsprachen der Philosophischen Fakultät der Universität Pardubice von 7.- 8. April 2016 veranstaltete.

Am akademischen Boden der ostböhmischen Universität trafen sich 130 Fachleute, Interessenten, Studenten und Schüler.

Der Projektkoordinator - International Sonnenberg Association  (ISA) - internationaler Bestandteil der deutschen gemeinnützigen Ausbildungsorganisation Sonnenberg-Kreis, e.V., die die Tätigkeit der ausländischen Vertretungen der deutschen Zentrale koordiniert, engagiert sich – genauso wie der ganze Sonnenberg-Kreis - vor allem im Bereich der außerinstitutionellen politischen, ökonomischen und sozialen Ausbildung sowie Fortbildung.

Die ganze Sonnenberger Bewegung hat eine einzigartige Geschichte, die bis ins Jahr 1949 zurückreicht ist also älter als die Institutionen der Europäischen Union. Die Sonnenberg-Idee wurde in einem dänischen Flüchtlingslager geboren, wo sich seit 1933 deutsche Flüchtlinge versammelten, die vor dem Nazi-Regime geflüchtet waren. Einer von ihnen war auch Walter Schulze, ein anderer dann Karl Rowold, dessen Sohn, Finn Rowold - der gegenwärtige ISA-Vorsitzende, der  versucht, die Ideale seines Vaters kontinuierlich auch in dieser komplizierten Epoche durchzusetzen, d.h. sich für den ständigen Frieden in Europa zu engagieren, um ähnliche Grausamkeiten wie diejenigen im Zweiten Weltkrieg zu vermeiden.

Die bewährten Mittel dafür sind andauernder Dialog zwischen den Bürgern, grenzüberschreitender Respekt sowie die Schaffung einer funktionierenden und lebendigen Plattform für das intensive internationale Treffen und den kreativen gegenseitigen Austausch der Erfahrungen, Meinungen und Ideen.

Sprechen wir miteinander und überwinden wir Vorurteile
Diese Intentionen führten 1949 zur Gründung der Sonnenberg-Bewegung mit dem Sitz im Harz inmitten von Deutschland, das jedoch ein paar Monate später nach der Verwandlung der Besatzungszonen in die BRD und DDR durch den Eisernen Vorhang in der Zeit des Kalten Krieges für 40 Jahre geteilt wurde.

Damit ist der Sitz der Bewegung in eine politische sowie geographische Lage geraten, in der ihr komplettes Motto, nämlich "Miteinander sprechen, Vorurteile überwinden, sich verständigen, verantwortlich handeln" durch die Existenz der bipolaren Welt komplex schwierig zu erfüllen war, da der Ost-West-Dialog kaum möglich war (mit der Ausnahme vom Ende der 60er Jahre, wo eine gewisse Reisefreiheit in der Tschechoslowakei geduldet wurde). Nach der Wende hat sich die Situation radikal geändert und die neuen Prioritäten drückte auch die damals proklamierte Parole aus: "international - demokratisch - ökologisch".

Das aktuelle Motto der Bewegung lautet „Voneinander lernen und miteinander handeln in einer vernetzten Welt“ und wird durch das internationale Netzwerk – der International Sonnenberg Association – von Sonnenbergkreisen in 23 Ländern Europas sowie Israel und den USA in der täglichen Arbeit garantiert, wobei nicht alle Länder immer gleich intensiv kooperieren.

Der tschechische Sonnenberg-Kreis gehört neben dem deutschen, britischen und dänischen zu den aktivsten und der tschechische Vertreter ist für die neue Wahlperiode 2016-2019 auch der stellvertretende Vorsitzende der ISA. Von da her ist es also logisch, dass neben der Universität Pardubice gerade die tschechische Sonnenberger Niederlassung der Partner des ganzen Projekts ist, wobei die Verbindung der Sonnenberger Ideale und Botschaften mit dem Elan, Enthusiasmus sowie mit sprachlichen und fachlichen Fertigkeiten der Dozenten und Studenten der jungen ostböhmischen Universität gegenseitige Synergieeffekte mit sich bringen, von denen beide Seiten profitieren können.

Und gerade diese Voraussetzungen und Hintergründe haben das entscheidende Fundament für den Gesamterfolg der Pardubicer Konferenz geschaffen.  

Die Konferenz in Pardubice als ein Kettenglied
Die nächsten Partner sind außer Deutschland und der Tschechischen Republik noch Dänemark, Lettland, Großbritannien, die Niederlande sowie Bulgarien. Das Hauptziel des vom August 2015 bis Januar 2017 dauernden Projekts ist die Stärkung der Demokratie in Europa sowie die Teilhabe der politisch unorganisierten Bürger an den leitenden Prozessen im Rahmen der Bürgergesellschaft, die eben in mittel- und osteuropäischen Ländern im Vergleich mit Westeuropa immer noch ziemlich unterentwickelt ist und außerhalb der Wahlen keinen sachlichen effektiven Widerstand gegen die Willkür der offiziellen Politik ermöglicht.

Während der Umsetzung des Projekts finden insgesamt acht Konferenzen in sieben Ländern statt und zwar nach den Prinzipien der Allgemeinen My!Europe-Deklaration.

Inhaltlich betreffen die nationalen Konferenzen den Aufbau und Aktivitäten der zivilen Gesellschaft, die Entwicklung bzw. Festigung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, das Einschalten der gemeinnützigen Organisationen und deren intelligente Verbindung mit staatlichen, regionalen sowie kommunalen Behörden und Institutionen mit dem Gesamtziel, die Demokratie sowie europäische Werte zu stärken, mehr ehrenamtliche Personen für diese Tätigkeit zu gewinnen, die Rolle der digitalen Medien sowie der Sozialnetze als Gegengewicht zu öffentlich-rechtlichen oder privaten/kommerziellen Medien zu unterstützen, Wege für eine größere Teilnahme der einzelnen europäischen Bürger, an kommunalen, regionalen, überregionalen sowie europäischen Wahlen verantwortlich teilzunehmen und vor allem sich mit realen gesamteuropäischen Fragen und Problemen zu identifizieren, um gemeinsam angehende oder aktuelle Krisen wie die jetzige Migrationswelle erfolgreich zu bewältigen.         

Folgen Sie uns online
Die Leitung des Projekts, vor allem der Manager Ole Aabenhus, bereitete das Online-Internetmagazin vor, das von der Proklamation „My!Europe Declaration“ ausgegangen war. Das übergeordnete Ziel ist die Unterstützung der Demokratie, aktive Teilnahme der Bürger an Entscheidungsprozessen, gemeinsame europäische Werte und eine zufriedenstellende Lösung der aktuellen Dilemmas und Probleme in Europa.

Jede Konferenz wird Teilnehmer aus 5–12 Ländern haben und garantiert durch verschiedene Mittel (Projektkoordinator, Webinare, geteilte Postkarten mit Botschaften, ISA-Leitung-Präsenz u.v.a.) eine wahre Kontinuität zwischen der vorherigen und nachfolgenden. Im Rahmen des Internetmagazins finden Online-Diskussionen, Interviews und Webinare statt, es werden durchlaufend Dokumentarseiten nicht nur für direkte Vor-Ort-Teilnehmer vorbereitet, sondern auch für das breite Forum der europäischen interessierten Öffentlichkeit, und zwar in allen teilnehmenden Sprachen (Deutsch, Englisch, Tschechisch, Dänisch, Niederländisch, Bulgarisch und teilweise auch in baltischen Sprachen) – die Magazinadresse ist www.myeurope.today.

Der Verlauf der ganzen Konferenz in Pardubice wurde in Bildern schon veröffentlicht, genauso wurde auch audiovisuell das Webinar ins Internet gestellt und so sind die wichtigsten Beschlüsse und Ergebnisse der zweitägigen Konferenz für jeden Interessenten ganz einfach per Mausklicks zugänglich. Während der Konferenz wurden zwei Konferenzsprachen angewendet und für Simultandolmetschen sorgte auf einem ausgezeichneten Level Dr. Ian King aus London.

Wir müssen einen intensiven Ost-West-Dialog führen
Das Schlüsselthema, das als roter Faden durch die ganze Konferenz führte und an die vorherigen Konferenzen auf Bornholm in Dänemark und in Riga in Lettland anknüpfte, war der Dialog zwischen den west- und osteuropäischen Ländern, wobei die abendländischen Territorien vor allem durch Deutschland, Dänemark und Großbritannien vertreten waren.

Die einheimischen Konferenzteilnehmer vermittelten ihren okzidentalen Partnern die Einstellungen der V4-Gruppe (Visegrádgruppe, 2016 noch ad hoc ergänzt durch Bulgarien bzw. Mazedonien).

Im einleitenden Referat wurden durch den Dozenten der veranstaltenden Pardubicer Universität, Dr. Jan Čapek, Gründe, Bedingungen, Argumente sowie unterschiedliche historische Erfahrungen der Osteuropäer im Blick auf die gegenwärtige europäische Migrationskrise vermittelt.

Dies ergänzte der deutsche, seit schon mehr als 25 Jahre in Böhmen lebende Privatdozent von derselben Universität, Herr Winfried Baumann, mit seinen bayrischen „Blicken über die Grenze“ über die regionale Perspektive der Entwicklung der tschechisch-deutschen Beziehungen im Grenzgebiet des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“ im Böhmerwald sowie mit dem lokalen Blick auf die Berliner Politik der Kanzlerin und ihrer Koalitionsregierung.   

Ein originelles künstlerisches Einsehen in die behandelte Problematik vermittelte durch ihren dramatischen Auftritt mit Abschnitten ihrer wirkungsvollen Prosa „Nennen Sie mich Ausländer“ die ursprünglich tschechische, jedoch auf kosmopolitische Art lebende Schriftstellerin Milena Oda (wohnhaft in Berlin, New York, Los Angeles mit Arbeitsaufträgen in Marokko und Ägypten).

Mit ihrem Text ließ sie auf suggestive und leicht politisch unkorrekte Weise in die Gefühle einer Osteuropäerin hineinschauen, die versucht, sich in die etablierte deutsche Gesellschaft zu integrieren, wobei sie ständig auf herkömmliche Vorurteile, Stereotypen und Klischees stößt.

Und zum Schluss des ersten Konferenzvormittags erfreute vor allem das junge weibliche Lokalpublikum der Pardubicer Liedermacher und Frontmann der überregional bekannten Gruppe „Vypsaná fixa“ („Abgenutzter Filzstift“) Michal Mareda, der einige seiner Lieder mit aktuellen Texten mit Gitarrenbegleitung sang.   

Kennenlernen des Pardubicer historischen Hintergrunds, der tschechischen sozialen Infrastruktur sowie der Regierungspolitik bzw. der gemeinnützigen Aktivitäten
Für die ausländischen Teilnehmer folgte dann der Besuch des Pardubicer Magistrats, wo sie im historischen Saal des Rathauses die lokale Landeskunde sowie Auslandspartnerschaften und grenzüberschreitende Aktivitäten kennenlernen konnten. Anschließend wurde ihnen der gesamte komplexe Sozialbereich der Stadt präsentiert, inklusive der Arbeit mit Minderheiten sowie der Vorbeugung des sozialen Ausschlusses bzw. Prävention der eventuellen Bildung von Ghettos.

Durch diese großzügige munizipale Infrastruktur und breit angelegte Tätigkeit gelingt es der Stadt, eine eventuelle Neigung der Familien oder einzelner Bewohner der Stadt zum Abrutschen in eine sozial unakzeptable Sphäre rechtzeitig zu unterbinden und in der Größenordnung zu verhindern.

Gruppenarbeit
Der lange und anspruchsvolle Tag wurde mit der Paneldiskussion in vier Gruppen (je zwei auf Deutsch und Englisch) zu Themen wie eine mögliche Diskrepanz zwischen Werten und Regeln, drohenden Risiken und allgemeinen Prinzipien der Humanität, das Dublin-System und seine (vorübergehend ausgeschaltete) Funktion, Migration und demographische Entwicklung in Europa, die Fragen der Integration der Menschen aus völlig anderen Kulturkreisen, die  Rolle des Staates und der gemeinnützigen Organisationen bei solchen außerordentlichen Situationen wie die aktuelle Migrationswelle ist usw.

Flüchtlingsfrage
Am nächsten Tag, dem 8. 4. 2016, wurden die Konferenzteilnehmer mit Einstellungen und Stellungnahmen des Außenministeriums der Tschechischen Republik vertraut gemacht, die auf professioneller Ebene die Sonderbeauftragte für Migration des Außenministeriums, Dr. Irena Krasnická präsentierte.

An ihre Ausführungen knüpften unmittelbar Dr. Martin Rozumek, Direktor der zentralen tschechischen gemeinnützigen Organisation für die Flüchtlingshilfe aus der überregionalen Sicht sowie Dipl.-Ing. Daniela Hlavatá aus der lokalen Pardubicer Sicht an. Beide sprachen über die Aktivitäten und das Engagement der nichtstaatlichen Organisationen und über die Kooperation mit staatlichen Behörden bzw. über die Problemzonen in diesem Bereich.

Das offizielle Programm der Konferenz wurde mit einem Webinar abgeschlossen, das der Projektmanager Ole Aabenhus moderierte und das zum Herunterladen oder zum Anschauen auf den Projektwebseiten ist.

Altstadtbesichtigung
Das inoffizielle Programm der Konferenz wurde am Samstag, dem 9.4.2016, mit der Schloss- und Altstadtbesichtigung abgeschlossen, wo die ausländischen Besucher ein Stückchen der ostböhmischen Geschichte und Architektur im mitteleuropäischen Kontext erfahren konnten.

Dank der Zusammenarbeit mit der technischen und audiovisuellen Abteilung der Universität Pardubice sowie mit anderen Abteilungen und Referaten (Auslandsamt, Mensa, Gästehaus usw.) bzw. mit der Pardubicer Region sowie mit dem Stadtmagistrat und einigen örtlichen Firmen (Pavlik CZ und Enteria) konnte man das gesamte Potenzial der Universität sowie der Stadt gut einsetzen und für eine gelungene Konferenz sorgen.

Mit dieser Hilfe und Unterstützung war es möglich, eine repräsentative internationale Konferenz für das My!Europe-Projekt zu organisieren, an die sich ihre Teilnehmer noch lange erinnern werden und deren Resonanz im Cyberraum für ihre 130 Teilnehmer aus 11 Ländern noch lange nachklingen wird.

PhDr. Jan Čapek, Ph.D.,
Mitglied des Lehrstuhls für Fremdsprachen der Universität Pardubice, Vorsitzender des Tschechischen Sonnenberg-Kreises und stellvertretender Vorsitzender der International Sonnenberg Association (ISA
).


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